Stellungswechsel 2

Aus dem Leben einer Escort-Dame.

11.07.2016

Wenn ich durch diese Tür gehe, wird nichts mehr sein wie es einmal war. Noch kann ich zurück, aber die Neugier wird siegen, das weiß ich. Die Lust auf das Verbotene. Die Lust darauf, meine dunklen Seiten zu erforschen. Die Lust auf die Lust.

Mein Name ist Sade. Ob das mein echter Name ist? Natürlich nicht. Bis heute Morgen hatte ich einen anderen. Das war, bevor ich mein altes Ich einfach abgelegt habe wie ein Kleidungsstück, das aus der Mode gekommen ist. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Mein altes Ich war schon okay. Sprachen-Studentin, Mitte Zwanzig, schlank, gut aussehend, sportlich, schulterlanges schwarzes Haar. Zweimal in der Woche Fitness-Studio, am Wochenende Feiern mit Freunden. Alles durchaus in Ordnung. Und eben auch ein bisschen langweilig.

Dass ich mich nach mehr sehne, war mir selbst nicht klar. Bis ich Antonia getroffen habe. Eine Freundin einer Freundin. Und bald sowas wie meine Mentorin. Antonia zeigte mir, dass es da draußen Dinge gibt, von denen ich nicht mal geträumt hatte. Sie machte aus mir Sade. Nun stehe ich hier in einem Hotelflur und krame nochmal in meiner Handtasche, obwohl ich schon dreimal nachgeprüft habe, ob ich alles Notwendige dabeihabe. Ich bin nervös. Aufgeregt wie ein junger Teenager beim ersten Date. Kein Wunder.

Wenn ich durch diese Tür gehe, werde ich Sex mit einem Mann haben, den ich noch nie gesehen habe. Und er wird mich dafür bezahlen. Ich werde das Geld annehmen, als sei es das Normalste der Welt. Denn genau das ist es: das Normalste der Welt. Täglich zahlen Tausende von Männern dafür, mit einer Frau wie mir zu schlafen. Einem High-Class-Escort-Girl. Sie können sich das leisten. Und ich will, dass sie es tun. Ich will, dass sie es mit mir tun.

Im ersten Moment war ich schockiert, als mir Antonia erzählte, dass Sie eine Escort-Agentur in Hamburg leitet. Doch bald wollte ich mehr wissen. Wie das so abläuft, ob es Spaß macht und, ja, ob man wirklich so gut verdient. Antonias Antwort hat mich kalt erwischt: „Probier es doch selbst aus,“ sagte sie. Zuerst habe ich mich beleidigt gefühlt. Dann geschmeichelt.

Es hat noch eine ganze Weile gedauert, bis ich soweit war. Viele lange Gespräche, viele Gläser Wein. Je mehr mir Antonia von ihrer Agentur erzählte, desto mehr spürte ich jedoch, dass mir das Schicksal einen Wink geben wollte. Ich hatte die Wahl zwischen verlässlicher Routine und Abenteuer. Ich wählte das Abenteuer.

Der Mensch hat viele Seiten. Die meisten bleiben ihm ein Leben lang verborgen. Ich jedoch will sie alle kennenlernen. Ich will das Leben spüren, mit allem, was dazugehört. Die Lust, die Leidenschaft, die Ekstase, die Freude, die Trauer, die Wut, die Angst, die Panik, die Überraschung, den Ekel, die Abscheu, die Verstörtheit, den Ärger, alles. Deshalb stehe ich nun hier. Ich spüre, dass dies der Anfang von etwas ist. Ich weiß nicht, was passieren wird, ich weiß nur, ich will es erleben.

Wenn ich durch diese Tür gehe, wird es kein Zurück geben. Nie mehr. Das ist mir absolut bewusst. Es ist der Grund, warum ich diesen Schritt überhaupt mache. Ich bin immer noch furchtbar nervös. Das wird sich wohl auch nicht ändern, wenn ich noch Stunden hier stehen bleibe. Also los. Hinter der Tür ist jemand, der sich auf Sade freut. Ich will ihn nicht länger warten lassen.