Stellungswechsel - Mein erstes Date 2

Seit fast einer Stunde hänge ich auf Seite 23 fest. „Toni Tholen: Erfahrung und Interpretation. Der Streit zwischen Hermeneutik und Dekonstruktion.“ Ein Buch, das man mit einem einzigen Wort zusammenfassen könnte: Langweilig.

Zumindest im Vergleich zu dem, was ich gestern erlebt habe: mein erstes Date als professionelle Escort-Dame. Was hatte ich mir nicht alles ausgemalt? In dem Moment, in dem sich die Tür zum Hotelzimmer meines Kunden öffnete, schien mein Herz stillzustehen. Doch als mich dann ein attraktiver Mittvierziger mit einem charmanten Lächeln begrüßte, schlug es sogar ein wenig schneller.

„Es gibt solche und solche,“ sagt meine Chefin Antonia immer etwas lapidar. Für mein erstes Date suchte sie jemanden aus, der es mir leicht machen würde. Ein Stammkunde, bei dem sie mich in guten Händen wusste, und dem sie mich deshalb empfahl. Es war ein aufregender Abend. Eine charmante Begegnung. Und überraschend leicht verdientes Geld.

Poststrukturalismus, Dekonstruktivismus, Focault, Derrida, Roland Barthes – mir schwirrt der Kopf. Ich sitze an meinem Stammplatz in der Bibliothek und starre immer noch wie blöd auf Seite 23. Aber die Buchstaben ergeben keinen Sinn. Kein Wunder: Meine Gedanken sind beim gestrigen Abend.

Ein Glas Sekt auf dem Zimmer, ein nettes Gespräch über Hamburg und die Architektur in der Hafencity, dann gingen wir zusammen in eines der besten Restaurants der Stadt. Pochierte Austern mit Safran, gerösteter Seeteufel mit Mango und Granatapfelkernen. Ein Traum. Weiter in eine Cocktailbar mit herrlicher Aussicht über den Hafen. Wir unterhielten uns prächtig, lachten viel. Und dann, ja dann.

Links hinter mir sitzt Tobi und schmachtet mich an. Wie er das schon seit ein paar Semestern tut. Angesprochen hat er mich noch nie. Wenn er wüsste! Er könnte mich jederzeit haben. Zumindest Sade könnte er haben. Aber die ist in einer anderen Welt angekommen, einem anderen Universum. Maximal weit entfernt von der Lebensrealität, in der Tobi sich bewegt. Sorry.

Intertextualität, Referentialität, Semiotik. Oder: Der Fluch von Seite 23 – ein Drama von und mit Sade, dem Escort, der Studentin, der Escort-Studentin, Studierende der Lust und Leidenschaft. Wahrscheinlich würde ich heute nicht über Seite 23 hinauskommen. Auch gut. Irgendwann wird Routine eintreten. Und dann werde ich entspannt zwischen den Welten pendeln.

Es gibt diese Momente, die das Leben in ein „Davor“ und ein „Danach“ einteilen. Gestern habe ich einen solchen Moment erlebt. Als wir wieder ins Hotelzimmer zurückgekehrt waren und mein Kunde mich fragte, ob er mir aus dem Kleid helfen dürfe. Zwei Dinge stellten sich ein: Eine Gänsehaut und ein Fluchtreflex. Denn für einen kurzen Moment wollte ich nur raus aus dem Zimmer. Ich bin geblieben und habe es nicht bereut. Ich habe die fremden Hände auf meinem Körper nicht ertragen – ich habe sie genossen. Es war die eigentliche Geburt von Sade. Der Beginn eines neuen Lebens.