Der Major 2

„Zieh Dich aus.“

Mein heutiger Kunde ist niemand, der lange um den heißen Brei herumredet. Dafür mag er klare Ansagen. Also knöpfe ich mein Kleid auf.

„Dreh Dich um.“

Ich wende dem Major den Rücken zu. So hab ich ihn insgeheim für mich genannt. Mit seinem Tonfall scheint er mir prädestiniert für ranghohe Positionen beim Militär. Mir hat er sich zwar als Investmentbanker vorgestellt, aber ich bevorzuge meine eigene Geschichte.

Mein Kleid fällt. Kurz darauf auch mein BH und mein Höschen. Dann stehe ich da, und es passiert … nichts. Ich stehe wie Gott mich schuf und wende dem Major meine Kehrseite zu. Gut, ein Po-Fetischist, denke ich, in Erwartung seiner Hand auf meinem Hinterteil. Aber es passiert immer noch nichts.

Ich bin für eine Stunde gebucht. Eine Stunde auf dem Hotelzimmer. Meistens buchen mich die Kunden des Hamburger Escort-Service für einen ganzen Abend oder noch länger. Eine Stunde ist ungewöhnlich kurz, das kommt selten vor. Heute wurde mir klar, dass eine Stunde auch sehr lang sein kann. Quälend lang.

„Soll ich vielleicht …“

„Pssst.“

Mein Versuch, die Kommunikation wieder aufzunehmen, wird im Ansatz erstickt. Ich stehe also weiter mit dem Rücken zum Major. Ich friere leicht, aber es ist okay. Schließlich werde ich gut bezahlt. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich nur dastehe.

Was macht er da nur? Masturbiert er? Oder zögert er den Moment, in dem er mich berühren wird, einfach unendlich lange hinaus? Malt er mich etwa? Oder prägt er sich meine Formen exakt ein, um sie dann zuhause wieder abzurufen? Meine Fantasie geht mit mir durch. Ich versuche genau hinzuhören, um herauszufinden, was passiert. Aber außer einem leisen, gleichmäßigen Atmen höre ich nichts.

Langsam wird es mir zu dumm, ich beginne mich umzudrehen. Sofort kommt die Reaktion: „Bleib so stehen.“ Ein „Bitte“ wäre auch schön gewesen. Zumindest weiß ich nun, dass er noch lebt. Gut, es ist sein Geld. Und mein Po.

Das Vergehen der Zeit ist eine ziemlich relative Angelegenheit. Das wird einem spätestens dann klar, wenn man sich in einer Situation befindet, in der rein gar nichts passiert. Kann das „Nichts“ auch sexuell erregend sein?

Ich versuche mir die Zeit zu vertreiben. Gehe Einkaufslisten durch. Frage mich im Geiste selber zum letzten Seminar ab. Überlege, wohin ich im Sommer in Urlaub fahren will. Mallorca, Kroatien oder Südfrankreich schaffen es in die engere Wahl.

Und dann der Gedanke, der mich den Rest dieser quälenden Unendlichkeit beschäftigen wird: Ist was mit meinem Po? Ein Pickel? Oh nein. Bitte nicht. Ich stelle mir vor, dass der Major in Wirklichkeit ein berühmter Maler ist. Und dass im Augenblick ein Gemälde entsteht, dass einen Ehrenplatz in der Neuen Nationalgalerie bekommen wird: „Mädchen mit Pickel am Po“. Bitte, alles nur nicht das. Vielleicht ist die ganze Nummer ja nur ein Experiment? Um zu sehen, wie ich reagiere. Um genau solche Gedanken wie das Pickelbild zu provozieren. Herzlichen Glückwunsch, Sade. Du bist in die Falle getappt. Nun erzähl uns doch bitte, was in der letzten Stunde so in Deinem Kopf herumging.

Ich weiß nicht, wie viele Male sich meine Gedanken im Kreis drehen. Oder wie genau der Major nun meinen Po studiert hat. Irgendwann erlöst mich ein kurzes „Danke“. Ich ziehe mich stumm wieder an, der Major verabschiedet sich höflich, gibt mir die Hand und blickt mir dabei freundlich in die Augen. Mein Honorar habe ich bereits erhalten.

Ich stelle keine Fragen, ich weiß, es ist sinnlos. Der Major hält mir die Tür auf, ich nicke ihm zum Abschied nochmal zu. Ich werde wohl nie erfahren, was er die letzte Stunde gemacht hat.